Die Geschichte von Deep Democracy beginnt bei einem Physiker, der Psychologe wurde, führt in das Südafrika der Nach-Apartheid-Jahre und reicht bis in deutschsprachige Unternehmen, Schulen und Organisationen. Drei Stationen, drei Menschen, eine Idee, die sich immer weiter entwickelt hat.

Arnold Mindell – Der Begründer

Arnold Mindell, geboren 1940 in New York, war zunächst Physiker am MIT. Doch die Naturwissenschaft allein konnte seine Fragen nicht beantworten. Er wechselte zur Psychologie, studierte am C.G. Jung-Institut in Zürich und wurde Analytiker. Doch auch dort blieb er nicht stehen.

Was Mindell interessierte, war das, was unter der Oberfläche geschieht – in Menschen, in Beziehungen, in Gruppen. Er beobachtete, dass Körpersymptome, Träume und unwillkürliche Bewegungen etwas ausdrücken, das gehört werden will. Er nannte seinen Ansatz Prozessorientierte Psychologie oder kurz: Prozessarbeit.

Sein zentraler Gedanke: Folge dem Prozess. Nicht das Symptom ist das Problem, sondern dass wir es unterdrücken. Nicht der Konflikt ist die Gefahr, sondern dass wir ihn vermeiden. Was sich zeigen will – im Körper, in der Gruppe, in der Gesellschaft – enthält eine Botschaft. Wer ihr folgt, findet Lösungen, die vorher unsichtbar waren.

In den 1980er Jahren prägte Mindell den Begriff Deep Democracy – tiefe Demokratie. Er war unzufrieden mit dem, was Demokratie in der Praxis bedeutete. Klassische Demokratie zählt Stimmen. Aber was ist mit den Stimmen, die nicht laut werden? Mit den Gefühlen, die niemand ausspricht? Mit den Positionen, die als unaussprechbar gelten?

Mindell erkannte: Demokratie muss tiefer gehen. Sie muss auch das einbeziehen, was unter der Oberfläche liegt – das Unbewusste, das Verdrängte, das Marginalisierte. Nur dann können Gruppen wirklich kluge Entscheidungen treffen.

Mindell und seine Frau Amy begannen, mit großen Gruppen zu arbeiten – in Krisengebieten, bei gesellschaftlichen Konflikten, zwischen verfeindeten Parteien. Sie nannten es World Work. Die Idee: Was im Kleinen funktioniert, funktioniert auch im Großen. Die Prinzipien der Prozessarbeit lassen sich auf Organisationen, Gemeinschaften und ganze Gesellschaften übertragen.

Myrna und Greg Lewis – Von der Idee zum Werkzeug

Die Geschichte nimmt eine entscheidende Wendung in Südafrika. 1990 kam die Psychologin Myrna Lewis nach Zürich, um bei Arnold Mindell Prozessarbeit zu studieren. Hier traf sie auch Greg Lewis, ihren späteren Ehemann. Beide kehrten nach Südafrika zurück – in ein Land im Umbruch.

Es war die Zeit zwischen Nelson Mandelas Freilassung 1990 und den ersten freien Wahlen 1994. Die Apartheid war offiziell beendet, aber ihre Strukturen durchzogen noch jede Institution, jedes Unternehmen, jede Begegnung zwischen Menschen. Die Frage war: Wie kann eine Gesellschaft, die jahrzehntelang gespalten war, wieder zusammenfinden?

Myrna und Greg Lewis wurden zu Eskom gerufen, Südafrikas nationalem Stromversorger – damals ein Vorzeigeunternehmen. Die Führungskraft einer großen Abteilung mit 5.000 Mitarbeitenden hatte alle Hierarchieebenen abgeschafft. Schwarze und weiße sollten plötzlich auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Das Ergebnis war Chaos.

Menschen, die jahrzehntelang in einem System der Unterdrückung gelebt hatten, sollten plötzlich als Gleiche zusammenarbeiten. 

Myrna und Greg Lewis entwickelten aus Mindells Prozessarbeit ihre eigene Methodik und machten sie praktisch handhabbar – auch für Menschen ohne psychologische Ausbildung. Sie entwickelten klare Schritte, konkrete Werkzeuge, anwendbare Formate. Lewis Deep Democracy war geboren.

Die Methode verbreitete sich. Erst innerhalb Südafrikas, dann international. 2006 nahmen die Vereinten Nationen Deep Democracy in ihre Publikation 'Africa Leads' auf – als eine von achtzig afrikanischen Innovationen mit dem Potenzial, die Welt zu verändern.

Nach Greg Lewis' frühem Tod entwickelte Myrna Lewis die Methode weiter. Sie strukturierte die Ausbildung in aufeinander aufbauende Level und bildete Trainer*innen auf der ganzen Welt aus. Heute ist Lewis Deep Democracy in über zwanzig Ländern präsent.

Der Weg in den deutschsprachigen Raum

2015 lernte ich Myrna Lewis bei einer Konferenz in Brüssel kennen. Ich war sofort fasziniert – von der Klarheit der Methode, von ihrer Wirksamkeit bei Spannungen und Konflikten, von der Tiefe, die möglich wurde, ohne therapeutisch zu arbeiten.

In den folgenden Jahren ließ ich mich von Myrna Lewis zur Trainerin und Facilitatorin ausbilden, durchlief alle Ausbildungsstufen und wurde schließlich Deep Democracy Elder – Teil eines internationalen Kreises erfahrener Praktiker*innen, die die Methode weiterentwickeln und weitergeben.

Ich brachte Lewis Deep Democracy in den deutschsprachigen Raum. Zunächst durch eigene Anwendung – in Unternehmen, Verwaltungen, Schulen, Non-Profit-Organisationen. Dann durch Ausbildung: Alle derzeit aktiven deutschsprachigen Deep-Democracy-Trainer*innen habe ich qualifiziert.

Was mich an der Methode überzeugt: Sie verbindet Tiefe mit Praktikabilität. Man kann sie in Meetings anwenden. Man kann mit ihr Konflikte bearbeiten, die jahrelang schwelten. Und man kann sie lernen – Schritt für Schritt, Werkzeug für Werkzeug.

Der rote Faden

Die Geschichte von Deep Democracy ist eine Geschichte der Weitergabe. Arnold Mindell entwickelte die theoretischen Grundlagen und den Begriff. Myrna und Greg Lewis machten daraus eine praktisch anwendbare Methodik, erprobt unter extremsten Bedingungen. Und heute wird sie in Kontexten angewendet, die die Gründer sich vielleicht nie vorgestellt haben – in deutschen Mittelstandsunternehmen, österreichischen Schulen, dem World Child Forum in Davos.

Der Kern ist derselbe geblieben: Alle Stimmen müssen gehört werden – auch die, die nicht laut werden. In der Minderheitenstimme steckt oft das Wissen, das der Gruppe fehlt. Und Konflikte sind keine Störung, sondern eine Quelle von Information und Veränderung.

Was in Südafrika nach der Apartheid entwickelt wurde, um Menschen zusammenzubringen, die sich jahrzehntelang als Feinde gegenüberstanden, funktioniert auch in Teamkonflikten, Organisationsentwicklung und überall dort, wo Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven gemeinsam Entscheidungen treffen müssen.

Die Methode lebt weiter – und entwickelt sich weiter. In jedem Training, in jeder Anwendung, in jeder schwierigen Situation, die mit ihrer Hilfe gelöst wird.

Im nächsten Artikel erfahren Sie mehr über die konkreten Werkzeuge von Deep Democracy – wie die Methode in der Praxis funktioniert.

Neugierig geworden? Wenn Sie erfahren möchten, wie das wirklich in der Praxis aussieht, buchen Sie am besten unseren Deep Democracy Grundlagen Kurs.