Deep Democracy ist Haltung und Handwerk. Es gibt konkrete Werkzeuge, die sich in Meetings, Workshops und Teamprozessen anwenden lassen. In diesem Artikel stelle ich einige der Tools vor: Die Vier Schritte, den Soft Shoe Shuffle und den Check-In. Keine abstrakten Konzepte, sondern Formate, die Sie morgen ausprobieren können.
Ich gebe hier einen ersten Einblick. In der Praxis sind sie selbstverständlich vielschichtiger, als eine kurze Beschreibung zeigen kann – sie wollen geübt und erfahren werden.
Die vier Schritte: Das Kernwerkzeug
Kennen Sie das? Ein Thema taucht immer wieder auf der Tagesordnung auf. Entscheidungen werden getroffen, aber nicht umgesetzt. Im Meeting nicken alle – und danach macht jeder, was er will.
All das sind Symptome desselben Problems: Die Entscheidung wurde gefällt, aber nicht alle haben sie wirklich mitgetragen. Irgendetwas blieb ungesagt, eine Perspektive wurde nicht gehört, ein Einwand nicht geäußert. Was unter der Oberfläche bleibt, wirkt weiter – als Verzögerung, als stiller Widerstand, als passives Unterlaufen.
Die vier Schritte setzen genau hier an. Sie helfen Gruppen, Entscheidungen zu treffen, die nicht nur von der Mehrheit akzeptiert, sondern von allen getragen werden.
Schritt 1: Alle Sichtweisen einholen
Bevor diskutiert wird, werden erst einmal alle Perspektiven gesammelt. Die Frage lautet: Was denkt ihr zu diesem Thema? Dabei wird nicht bewertet, nicht diskutiert – nur gesammelt.
Das klingt einfach, ist aber ungewohnt. In vielen Meetings beginnt sofort die Debatte: Einer sagt etwas, ein anderer widerspricht, und schon sind nur noch zwei Stimmen im Raum. Schritt 1 verlangt Disziplin: erst sammeln, dann sortieren.
Schritt 2: Sicherheit für das NEIN schaffen
Jetzt kommt der entscheidende Moment. Statt zu fragen 'Sind alle einverstanden?' – worauf die meisten mit Schweigen antworten – wird das NEIN aktiv eingeladen: Wer sieht das anders? Wer hat Bedenken? Gibt es Einwände, die noch nicht genannt wurden?
Diese Fragen sind keine Höflichkeitsfloskel. Sie sind ernst gemeint. Denn oft trauen sich Menschen nicht, als Einzige zu widersprechen – besonders nicht gegenüber Vorgesetzten oder in Gruppen mit starken Meinungsführern. Schritt 2 macht es sicher, Nein zu sagen.
Schritt 3: Das NEIN verbreiten
Wenn jemand einen Einwand äußert, steht meistens die Person allein da. Alle anderen schauen weg oder verteidigen die Mehrheitsposition. Die Minderheit wird isoliert.
Schritt 3 durchbricht dieses Muster. Die Frage lautet: Gibt es andere, die es auch so sehen? Wer sieht das ähnlich? Wer kann diesen Einwand nachvollziehen, auch wenn er selbst anders entscheiden würde? Es geht nicht darum, dass alle die Position übernehmen – sondern darum, dass die Minderheit nicht allein bleibt. Dieser Schritt öffnet häufig ein Schleusentor für weitere diverse Meinungen.
Schritt 4: Was brauchst du, um mitzugehen?
Jetzt wird abgestimmt – aber mit einem Unterschied. Nach der Abstimmung werden diejenigen, die in der Minderheit sind, gefragt: Was brauchst du, um diese Entscheidung mitzutragen? Manchmal ist die Antwort überraschend einfach: eine Information, ein Zugeständnis, ein Zeitpuffer. Manchmal braucht es mehr.
Das Ziel ist nicht, dass alle einer Meinung sind. Das Ziel ist, dass alle die Entscheidung mittragen können – da ihre Sichtweise gehört und integriert wurde.
Der Soft Shoe Shuffle: Denken auf den Beinen
Der Name klingt verspielt – und das ist Absicht. Der Soft Shoe Shuffle ist ein dynamischer Dialog, ein Gespräch auf den Füßen, bei dem sich alle Teilnehmenden im Raum bewegen. Wer einer Aussage zustimmt, stellt sich zu der Person, die sie gemacht hat. Wer anderer Meinung ist, entfernt sich. Wer eine ganz neue Perspektive hat, sucht sich einen freien Platz und spricht von dort.
Was banal klingt, hat einen tiefgreifenden Effekt: Die Bewegung verändert das Gespräch. Menschen, die sonst schweigen, positionieren sich plötzlich. Meinungen werden buchstäblich sichtbar. Und weil man seine Position jederzeit wechseln darf, wird auch deutlich: Meinungen sind beweglich.
Der Soft Shoe Shuffle eignet sich besonders für große Gruppen, in denen sonst nur wenige zu Wort kommen. Für Situationen, in denen Hierarchien das Gespräch lähmen. Für Themen, bei denen 'dicke Luft' herrscht, ohne dass jemand genau sagen kann, warum.
Eine Führungskraft berichtete mir von einem Soft Shoe Shuffle während der Corona-Krise: Das Team musste entscheiden, ob Kurzarbeit eingeführt werden sollte. Eine Entscheidung, die normalerweise stundenlange, zähe Diskussionen bedeutet hätte. Mit dem Soft Shoe Shuffle war sie in 45 Minuten getroffen – und alle trugen sie mit. 'Die Methode hat eine Leichtigkeit in den Raum gebracht', sagte er, 'und die Schwere war verflogen.'
Check-In und Check-Out: Den Raum öffnen und schließen
Die einfachsten Werkzeuge sind manchmal die wirkungsvollsten. Der Check-In ist nichts anderes als eine Runde zu Beginn eines Meetings, in der alle kurz sagen, wie es ihnen geht, was sie gerade beschäftigt und was sie für dieses Meeting brauchen. Der Check-Out ist dasselbe am Ende: Was nehme ich mit? Wie gehe ich hier raus?
Warum ist das wichtig? Weil Menschen keine Maschinen sind. Wer mit einem privaten Problem ins Meeting kommt, ist nicht voll da – egal wie professionell er sich verhält. Wir sind Menschen, und wir bringen unser ganzes Selbst mit in den Raum.
Der Check-In schafft außerdem etwas, das in vielen Teams fehlt: psychologische Sicherheit. Wer erleben darf, dass auch Führungskräfte mal sagen 'Ich bin heute nicht gut drauf', traut sich eher, selbst ehrlich zu sein.
Die Haltung hinter den Werkzeugen
Alle diese Werkzeuge haben eines gemeinsam: Sie funktionieren nur mit der richtigen Haltung.
Die Haltung lässt sich in zwei Worten zusammenfassen: Neutralität und Mitgefühl. Neutralität bedeutet, keine Position zu bevorzugen – auch nicht die eigene. Mitgefühl bedeutet, jeden Menschen im Raum als Menschen zu sehen, nicht als Gegner oder Verbündeten.
Eine erfahrene Facilitatorin beschrieb es so: 'Ich halte den Raum. Das ist vielleicht das Wichtigste. Ich gebe den Menschen das Gefühl, dass sie gesehen werden – nicht bewertet, nicht korrigiert, einfach gesehen.'
Womit anfangen?
Wenn Sie Deep Democracy ausprobieren wollen, beginnen Sie mit dem Einfachsten: dem Check-In. Nächste Woche, nächstes Meeting. Eine Runde, in der alle kurz sagen, wie sie da sind. Keine lange Erklärung, keine Therapie – einfach ankommen.
Der nächste Schritt wäre, bei einer Entscheidung bewusst nach dem NEIN zu fragen. Nicht als rhetorische Floskel, sondern ernst gemeint: Wer sieht das anders? Was wurde noch nicht gesagt?
Sie werden überrascht sein, was passiert, wenn Menschen erleben, dass ihre Einwände wirklich gehört werden – nicht nur toleriert, sondern aktiv eingeladen.
Dieser Artikel gibt allerdings nur einen ersten Eindruck. Die Werkzeuge von Deep Democracy entfalten ihre Wirkung durch Übung und Erfahrung. In unseren Kursen lernen und üben Sie die Tools in vertiefter Weise, und entwickeln das Gespür dafür, wann welches Werkzeug passt – und wie Sie es an Ihre Situation anpassen. Buchen Sie am besten gleich den nächsten Deep Democracy Grundlagenkurs.
Im nächsten Artikel erfahren Sie, wie Deep Democracy speziell in Teams und Führungskontexten eingesetzt wird.
Neugierig geworden? Wenn Sie erfahren möchten, wie das wirklich in der Praxis aussieht, buchen Sie am besten unseren Deep Democracy Grundlagen Kurs.


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